Mit gutem Gewissen

Dieses Jahr zu Ostern werden wir meine Oma nicht besuchen. Obwohl es die Rechtsverordnung womöglich hergegeben hätte.

Meine Oma ist 93 Jahre alt und lebt, eine Stunde von uns entfernt, allein in ihrem Haus. Dreimal am Tag kommt der Pflegedienst. Sie hat den 2. Weltkrieg überlebt, ist aus ihrer Heimat weggezogen, hat die Herausforderungen der beruflichen Selbstständigkeit in der DDR miterlebt. Und sie weiß, was es heißt, schwere Krankheiten zu überstehen. Krebs. Herzstillstand. Dazu einen Herzinfarkt und eine Lungenentzündung, nachdem ihr das Schlimmste widerfahren ist: Der Verlust ihrer Tochter, meiner Mutter, nach jahrelangem fürchterlichen Krebsleiden. Nur zweieinhalb Jahre nach dem Tod ihres Mannes, meines Opas.

Ich bin kein Jurist. Mein innerer Kompass ist die Intuition. Es hat durchaus etwas von einem Gewissenskonflikt, dieses Ostern nicht gemeinsam zu feiern. Aber wir sind vernünftig und bleiben zu Hause.

Draußen beherrscht Corona die Welt. Diese Krise zu ertragen, fällt schwer. Dazu die Szenarien für Wirtschaft und Gesellschaft. Vor allem: Wir werden mit dem Thema konfrontiert, welches wir gern verdrängen.

Dem Tod.

Jeder Einzelne, der mit dieser Infektion stirbt, jeder Angehörige verdient unser Mitgefühl. Wie jeder Mensch, der einer Herzkrankheit, Krebs oder einem Unfall erliegt und eine trauernde Familie hinterlässt.

In meiner Arbeit begleiten mich diese Themen Woche für Woche. Menschen in den schweren Stunden des Abschieds von einem lieben Menschen beizustehen, es bringt mich immer wieder mit Trauer und Schmerz in Berührung. Und wenn ich mich zurückerinnere, wie viel Zeit ich schon in Krankenhäusern verbracht habe, auf Intensivstationen, in Notaufnahmen, dann ist mir bewusst, was wirklich zählt im Leben.

Viele Menschen haben Angst. Mitunter kann das sinnvoll sein. Auf Dauer ist Angst ein schlechter Begleiter. Denn sie führt zu Stress und der macht krank. Ich weiß, wovon ich spreche.

„Der Verstand kann uns sagen, was wir unterlassen sollen. Aber das Herz kann uns sagen, was wir tun müssen.“

Vielleicht hilft uns diese Weisheit über Ostern und durch diese schwere Zeit. Hin zu einem bewussteren Leben, zu Gesundheit und Liebe, Glück und Erfüllung.

Sozusagen: Mit gutem Gewissen.

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